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Interview mit Dr. Petra Urban (Schriftstellerin)

avril 19th, 2013

Von: Rachid Filali

  

In Ihrem Buch „Das Leben ist ein Abenteuer oder gar nichts » Wir finden, dass es einen kontinuierlichen Schwerpunkt auf die Notwendigkeit für Selbsterkenntnis, Dr. Petra: Glauben Sie, dass alle Menschen die Fähigkeit zur Psychoanalyse haben?

P.U.: In meinem Buch „Mein Herz tanzt in den Himmel“ beschreibe ich, wie ich nach dem Tod meines Bruders, der mich emotional völlig aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, wie ich nach diesem Verlust Hilfe bei einer Therapeutin gesucht und gefunden habe. Für mich hat jeder Mensch, der die Bereitschaft in sich spürt, sich selbst zu hinterfragen, seinen Ängsten auf die Spur zu kommen, auch die Fähigkeit, sich in therapeutischen Gesprächen ganz neu zu entdecken. Sigmund Freud, der große Menschenkenner, sprach völlig zu Recht von einer „talking cure“, einer Redekur. Sprache kann ein wunderbares Werkzeug sein, um ans Licht zu holen, was uns krank macht. Reden hilft. Sprachlosigkeit kommt einer gewissen Erstarrung gleich. Wer Worte sucht und findet, ist lebendig, ist im Fluss und kann über das Medium Sprache eigenen Spuren folgen, wichtige Lebensworte finden.

Ihr Vater war Jurist und hatte, wie Sie sagen, einen erheblichen Einfluss auf Ihre Persönlichkeit. Wann wussten Sie, dass Sie Schriftstellerin und keine Juristin werden wollten?

P.U.: Mein Vater hat mich tatsächlich sehr geprägt. Er war ein exzellenter Rhetoriker, mit der Gabe ausgestattet, schwierige Themen sprachlich auf den Punkt zu bringen, auch konnte er in Streitgesprächen unglaublich gut argumentieren. Diese Gabe hat mich bereits als Kind fasziniert. Und so habe ich nach dem Abitur ein Jura-Studium begonnen. Aber bereits bei der ersten Hausarbeit, die ich schreiben sollte, war klar, dass ich eigentlich etwas anderes mit Sprache erreichen wollte.  Der juristische Fall, um den es ging: Ein Stahlarbeiter stößt einen Kollegen im Streit in einen Hochofen. Die Aufgabe für uns Studenten lautete, die zuständigen Paragrafen und Tatbestände herauszufiltern. Das einzige aber, was mich interessierte, war die Geschichte vor der Geschichte, und die habe ich dann auch geschrieben. Damals habe ich gemerkt, dass mich keine Rechtsfragen, sondern Geschichten interessieren. Und ich begann, Germanistik und Philosophie zu studieren.

Was bedeutet für Sie “schreiben”?

P.U.: Schreiben, heißt kreativ sein. Und Kreativität ist die wohl rätselhafteste und stärkste Kraft in der Welt. Sich schreibend zu erleben, sich Wort für Wort ganz langsam und immer wieder neu zu entdecken, ist ein wunderbares Tun. Ein Eintauchen in unentdeckte Tiefen der eigenen Persönlichkeit. Schreibend können wir Kraft aus der eigenen Tiefe schöpfen, können erleben, wie sich Worte in Wege wandeln, zum Brückenschlag zwischen Erstarrung und neu erwachender Lebendigkeit werden. Für mich ist die „Sprache“ das größte Abenteuer auf dieser Welt. Und bereits früh wusste ich, dass ich nichts anderes, als eine Abenteurerin in Sachen Sprache sein wollte. Von Georges Bataille stammt der schöne Satz: „Schreiben, heißt das Glück suchen.“ Für mich stimmt dieser Satz ganz und gar. Ich habe schreibend das Glück gesucht, und - ich habe es gefunden.

Was meinen Sie: Ist Literatur in der Lage, “heilen” die humanitäre Tragödie?

P.U.: Bücher können die Welt nicht verändern, aber sie können Menschen verändern, indem sie ihnen neue Gefühls- und Denkräume eröffnen. Bücher sind gigantische Konserven. Alles, was Menschen je gelitten, gefühlt und gedacht haben, ist in ihnen verewigt, ist eingeschrieben und festgeschrieben. Manchmal lesen wir bestimmte Bücher ja auch mehrmals, weil wir die Hoffnung oder die Kraft brauchen, die von ihnen ausgeht. Mit dieser neuen Kraft agieren wir dann. Und auch, wenn wir nicht gleich das Angesicht unserer heillosen Erde verändern, so unternehmen wir doch Schritte in unserem eigenen kleinen Umfeld, die ein toleranteres und mitmenschlicheres Miteinander schaffen.

Was halten Sie von zeitgenössischen arabischen Literatur denken, und das auf Sie ausgewirkt von “Tausend und einer Nacht” in der Kunst des Erzählens?

P.U.: Zur zeitgenössischen arabischen Literatur kann ich leider nichts sagen, da ich über zu wenig Wissen verfüge. Aber arabische Märchen begleiten mich seit meiner Kindheit. Nicht in Ruhe gelassen hat mich Scheherazade, die Schöne aus Tausendundeiner Nacht, die nur durch ihre blühende Fantasie dem Tod entkommt. Diese selbstbewusste, wunderschöne Geschichtenerzählerin, in deren Fantasie immer neue Geschichten nachwachsen, mit denen sie nicht nur den König, sondern auch mich in Atem gehalten hat, war mir ein Vorbild im Erzählen und Erfinden.

-Deutsch Philosophie bekannt Tendenz ideal, aber Sie - im Gegenteil - Ihre Philosophie ist sehr realistisch, wie erklären Sie das?

P.U.: Philosophie heißt für mich, die Lehre vom richtigen Leben. Und deshalb sind meine lebensphilosphischen Lesebücher - in denen ich ganz konkret über den Alltag nachdenke -  eine Art Mosaik aus Geschichten, Gedanken, spirituellen Momentaufnahmen und konkreten Tipps. Keine wissenschaftlichen Abhandlungen also, vielmehr bunte Versatzstücke, die der Fantasie Raum schenken und den Geist inspirieren sollen. Ich vergleiche meine Bücher gern mit Zugfahrten, bei denen man meine Geschichten, wie die Landschaft aus dem Fenster eines fahrenden Zuges, ganz mühelos an sich vorbeiziehen lässt. Und nach dem Lesen am besten die Augen schließt und ganz bei sich ist.

 

 





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